Entdeckungen

Abstract

2012 flog ich für ein Jahr work & travel nach Kanada. Mein erster Stopp war in Nova Scotia, wo ich vier Monate lang auf verschiedenen Bio-Höfen mitgearbeitet habe und so auf die Permakultur stieß. Die folgenden vier Monate verbrachte ich in Montréal, wo mich urbane Nachhaltigkeitsintiativen durch den Großstadtdschungel geleitet haben. Inspiriert von diesem Pool an Ideen und Menschen machte ich kleine Ausflüge in die USA, wie zum Beispiel der Naturbau-Schule Yestermorrow in Vermont oder Permakulturprojekte in Quebec.

Über den gesamten Verlauf meiner Reise von der Ostküste Kanadas über Toronto, Chicago, L.A., San Francisco, Portland, Seattle bis nach Vancouver sammelte ich Eindrücke und Erfahrungen innerhalb dieser ökosozialen Bewegung, die an vielen Orten der Welt gerade sichtbar wird,- immer eingeladen von Menschen, die ihre Arbeit an Projekten, Initiativen oder am Aufbau von Zentren zeigen wollten.

„Eine Entdeckungsreise besteht nicht darin, nach neuen Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu bekommen.“
Marcel Proust

Wwoofing (world wide opportunities on organic farms),
Nova Scotia

Ich lernte dort einen neuen Umgang mit der Erde kennen, als ich es vom klassisch schwäbischen Bauernhof kannte. Das Land wurde nicht nur als Wirtschaftsfläche gesehen, sondern als eigenständiger Organismus mit vielen Flächen, die immer wieder lange Jahre brach lagen. Es waren wunderbare Orte, um die Natur in ihren eigenen Kreisläufen zu erleben. Wir haben den Wald beobachtet und in seinem typischen Verhalten unterstützt, wie z.B. in Form von zusätzlichem Mulch (Laub vom Herbst), den wir im Frühling bei den Nachbarn einsammelten. Wir haben Pilze gesammelt, Ahornsirup gebrannt, Rotwild gejagt und Fisch gefangen. Wir haben in der intensiven Bewirtschaftung, also in diesem Fall im Garten, Samen abgenommen, um möglichst unabhängig von bestehenden Nahrungsmittelkreisläufen zu werden. Wir haben uns an gesellschaftspolitischen Events eingebracht, wie z.B. der örtlichen Nachhaltigkeitsmesse oder verschiedenen kulturellen Zentren.

Nova Scotia, Lunenburg, Sustainability Center

Auf der örtlichen Nachhaltigkeitsmesse lernte ich das Zentrum in Lunenburg kennen,- eine alte Schule, die zum neuen Brennpunkt einer Entwicklung für resiliente Lebensweisen werden sollte. Als Praktikantin half ich für drei Wochen während eines Permakulturkurses aus. Den Vormittag verbrachte ich damit für die TeilnehmerInnen zu kochen und am Nachmittag konnte ich selbst mitmachen. Das war der Beginn meiner Faszination für Permakultur. Das Gestaltungskonzept verbindet für mich viele verschiedene Aspekte, die oft abgetrennt voneinander behandelt werden zu einem miteinander verbundenen System. Eine Zusammenfassung der natürlichen Kreisläufe in Ökosystemen in den verschiedenen Klimazonen der Erde und das Verhalten von wachsenden Rohstoffen, wie der Boden und solchen, die auffangbar sind, wie die Sonnenenergie und Wasser, sind die Grundlage eines solchen Kurses. Themen wie  Agroökologie, Stadtgärtnern, bottom-up Technologien, Mobilitäts-Revolutionen, Öko-Architektur, Arbeiten in resilienten Teams, soziale Integrität, Gesundheit und die Intensivierung lokaler Wirtschaftskreisläufe ergänzte das Grundwissen mit konkreten Projektideen. Wir schlossen den Kurs mit drei verschiedenen Design-Vorschlägen für den Hof, an dem der Kurs stattfand, ab.

Montréal, Quebec

Initiativen, die in diese Richtung arbeiten, wollte ich nun an einem Ort auskundschaften, an dem so viele Ressourcen verbraucht werden, wie in anderen Teilen der Erde ein ganzes Land verbraucht. Wie lebten die Menschen dort Nachhaltigkeit, so abgetrennt von natürlichen Kreisläufen? Es war nicht meine erste Erkundung in einer Großstadt, aber ich ging dort mit einer neuen Perspektive hin. Ich zog zu weiteren 30 Menschen in ein Wohnprojekt in einer alten Fabrik,- eine soziologische Fallstudie für sich und ergo ein prima Ort, um die Inhalte der sozialen Permakultur in der Praxis zu reflektieren und um verschiedene Methoden auszuprobieren. Ich fing auch an in einem veganen Restaurant zu arbeiten, wo ich sehr Wertvolles und auch Wertloses über alternative Ernährungsweisen lernte.

Mehr und mehr tauchte ich in das kunterbunte Stadtleben ein und fand Anschluss im „Coop Le Milieu“ einem kleinen Nachbarschaftscafé mit einer allumfassenden Kreativ-Ausstattung. Im Mittelpunkt dieser Zentren, die es überall in der Art auf der Welt gibt, steht das Gestalten auf kreativer Ebene in Verbindung mit engeren sozialen Kontakten in der Nachbarschaft. Isolation ist wohl das Fieber einer Demokratie!? Es wurden Veranstaltungen von gesellschaftspolitischen Diskussionsrunden bis zu Kreativkursen jeglicher Art angeboten.

In Montréal spürte ich wie es sich anfühlte in einer Bewegung zu sein. Eine Bewegung, die Paul Hawken, die ökosoziale Bewegung nennt. Damit meint er eine Zeit, in der die bisher abgetrennten Strömungen, wie z.B. der Umweltaktivismus, feministische Bewegungen oder Anti-Faschistische Strömungen zu einem holistischen Bild zusammenwachsen.